Digitalisierung, Industrie 4.0,  Internet of Things und digitale Transformation – Schlagworte, die heute bei keiner Veranstaltung zu Zukunftsthemen fehlen dürfen. Unternehmens-Lenker, die dabei zuerst an Technologie denken, sehen allerdings nur einen Teil dessen, was Digitalisierung bewirkt – und lassen wichtige Aspekte außen vor, die für den dauerhaften Erfolg von Unternehmen wichtig sein werden.

Der nachfolgende Artikel ist der Beginn einer Blog-Reihe, in der ich nach und nach einzelne Aspekte der Digitalisierung und ihrer Wirkung auf Unternehmen darstellen werde. Er widmet sich dem Aspekt der digitalen Transformation, der notwendigen Wandlung eines klassischen Unternehmens hin zu einer Daten-getriebenen Organisation. Denn Digitalisierung bedeutet nicht nur smarte Fabriken zu bauen oder neue mobile Services auf Smartphones anzubieten, sie verändert auch die Art und Weise wie Unternehmen sich selbst verstehen und funktionieren.

Digitalisierung – was tut sich „da draußen“?

Der Ursprung dessen, was wir heute als „Digitalisierung“ bezeichnen, sind Technologien:

  • die Möglichkeit, auf immer kleinerer Fläche immer mehr Daten zu erfassen und zu verarbeiten
  • und mit dem Internet ein Netzwerk, dass jederzeit an fast jedem Ort die Übertragung großer Datenmengen ermöglicht

Diese Technologien verändern bestehende Wirtschafts-Prozesse fundamental. Beispielhaft seien dafür genannt:

  • die direkte Vernetzung von Kunden und Anbietern führt dazu, dass es immer weniger Bedarf an Mittlern und Zwischenhändlern gibt
  • die Möglichkeit, Informationen ohne Kosten zu duplizieren und zu übertragen
  • der Kunde gewinnt durch Informations-Transparenz und Vergleichbarkeit von Anbietern an Macht. Ein Wechsel ist per Mausklick möglich, in der Folge sinkt die Kundenbindung.

Unternehmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, eine Mittler-Funktion zu übernehmen, indem sie Wissen oder Material bündeln und sich zwischen Endverbraucher und Hersteller bzw. Anbieter positionieren, sind durch die Anbieter digitaler Plattformen massiv bedroht. Uber macht Taxizentralen obsolet, in der Tourismus-Branche greifen digitale Plattformen das Geschäft von Reiseveranstaltern und Reisebüros an. Für die Nutzer ist es angenehmer die digitalen Dienste und Apps zu nutzen, sie gewinnen Flexibilität und Komfort – warum also dann noch den „alten“ Weg nutzen?

Hinzu kommt eine deutlich größere Macht des Kunden, denn er kann über digitale Plattformen jederzeit Anbieter vergleichen und wechseln – nicht zuletzt aus diesem Grund wird Jeff Bezos von Amazon zitiert mit dem Satz: „Die Kunden sind Götter!“.

Was machen erfolgreiche digitale Unternehmen anders?

Sieht man sich die Gewinner der Digitalisierung wie Amazon, Google, Apple und Co. genauer an, wird deutlich, wie erfolgreiche Digitalisierung funktioniert:

  • sie machen dem Kunden mit digitalen Diensten das Leben angenehmer und „nisten“ sich in seinem Alltag ein
  • sie brechen mit ihren Plattformen klassische Wertschöpfungsketten auf und lösen die klassischen „Mittler“-Geschäftsmodelle ab
  • sie bauen digitale Ökosysteme auf und versuchen, den Kunden in möglichst vielen Alltags-Situationen digital zu begleiten. Sie tun dies, um ihre Geschäftsmodelle zu erweitern und möglichst viele Daten über den Kunden zu sammeln, um ihn besser zu verstehen
  • sie haben einen extremen Kunden-Fokus – das Verständnis des Kunden und seiner Bedarfe, dass sie aus den digitalen Daten gewinnen, ist die Leitlinie für den Ausbau ihres Geschäfts
  • sie nutzen intensiv digitale Prototypen oder A/B-Tests, um ein neues Angebot oder Funktion zu testen, bevor sie diese final umsetzen. Damit entwickeln sie ihre Dienste entlang des Kunden-Bedarfs
  • sie wachsen exponentiell, da ihr digitales Angebot quasi per Knopfdruck rund um den Globus verfügbar ist

Amazon ist ein gutes Beispiel für ein digitales Unternehmen. Nachdem sie ihren Marktplatz für Bücher etabliert hatten, haben sie ihr Geschäft in alle Richtungen ausgebaut. Im Marktplatz kann man heute alles kaufen, mit Diensten wie Prime und Unlimited greift Amazon die Audio- und Video-Streaming Dienste an. Mit Kindle Direct Publishing lösen sie den Mehrwert von Verlagen auf, mit Amazon Webservices machen sie IT Dienstleistern im Hosting und SaaS-Geschäft das Leben schwer. Sie können dies, da sie über die Daten aus dem digitalen Amazon-Ökosystem ein sehr genaues Verständnis ihrer Kunden haben. Sie sind bereit, schnell mal eine Idee auszuprobieren und anhand der generierten Rückmeldungen der Kunden sehr früh zu entscheiden, ob sie Chancen auf  Erfolg hat. Und wenn nicht, lassen sie es einfach und „feiern“ ihr Scheitern.

Digitale Transformation – eine Veränderung auf drei Ebenen

Fassen wir zusammen: digitale Technologien sorgen für ein sich immer schneller wandelndes Geschäftsumfeld. Neue Player, die direkt auf digitale Geschäftsmodelle setzen, erobern Märkte und verdrängen in Rekordzeit klassische Unternehmen, die jahrzehntelang in diesen Märkten erfolgreich waren.

Schaubild digitale Transformation

Digitale Transformation im Überblick

Die gute Nachricht: es sind ebenfalls digitale Technologien, die es bestehenden Unternehmen ermöglichen, weiterhin erfolgreich zu sein. Wichtig ist, zu verstehen wie Digitalisierung wirkt und was die digitalen Vorzeigeunternehmen anders machen.

Der Begriff „digitale Transformation“ beschreibt die gezielte Entwicklung eines klassischen Unternehmens hin zu einem Daten-getriebenen, einem digitalen Unternehmen. Diese Entwicklung stellt einen tiefgreifenden Wandel dar und endet nicht beim Einsatz von mehr IT. Sie muss auf drei Ebenen gleichzeitig stattfinden, um Wirkung zu zeigen. Und wie so oft beginnt es im Kopf.

Veränderungs-Ebene 1: Mind Change

In einem sich rapide ändernden Umfeld müssen Unternehmen verstehen, dass sie im Prinzip nichts wissen. Sie müssen ständig hinterfragen was sie tun (Angebot) und wie sie es tun (Organisation). Erfahrungs-Wissen wird immer weniger wert – manchmal ist es sogar gefährlich.

Ein digitales Mindset zeigt sich z.B. dadurch, dass

  • nie etwas als gegeben hingenommen wird
  • immer wieder die Frage gestellt wird: Was will der Kunde?
  • die Antwort in den gesammelten Daten gefunden wird, nicht in der morgendlichen Kaffee-Runde
  • akzeptiert wird, dass die Antwort auf die Frage immer wieder ein neues Ergebnis bringen kann, dass nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.
  • der Wille etabliert ist, schnell Anpassungen vorzunehmen
  • der Mut vorhanden ist, etwas auszuprobieren und auch mal zu scheitern
  • das Scheitern als Teil des Prozesses akzeptiert und bestraft wird

Diese im besten Sinne agilen Vorgehensweisen widersprechen oftmals bestehenden Denkweisen und Strukturen. Sie müssen im Rahmen der digitalen Transformation aufgebrochen werden, da sie Veränderung blockieren. Das Blockieren von Veränderungen können sich Unternehmen immer weniger erlauben, denn in einer sich schnell verändernden Welt ist das frühe Erkennen von und schnelle reagieren auf Veränderungen eine Schlüsselkompetenz.

Veränderungs-Ebene 2: Aufbau digitaler Kompetenz

Der Aufbau digitaler Kompetenz ist der nächste Schlüsselfaktor für digitale, Daten-getriebene Unternehmen. Sie umfasst das Verständnis, wie digitale Technologien und Daten in der operativen Steuerung des Unternehmens sowie in der Weiterentwicklung von Produkten und Dienstleistungen eingesetzt werden können. Folgende Fragen repräsentieren die digitale Kompetenz im Unternehmen:

  • Wie können wir unsere Produkte und Dienstleistungen mit digitalen Lösungen veredeln und ein digitales Ökosystem schaffen, welches dem Kunden attraktive Mehrwerte bietet und im besten Fall dafür sorgt, dass er nur noch unsere Produkte und Dienstleistungen kauft?
  • Wie können wir digitale Sensoren gezielt dafür einsetzen, um Daten über die Kunden und unsere Produkte zu sammeln?
  • Wie können wir die Reaktion der Kunden auf neue Ideen digital testen, bevor wir über die Umsetzung entscheiden?
  • Wie müssen wir die Informationen zusammenführen, damit wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen? Wo können externe Informationen dienlich sein?
  • Wie müssen wir unsere Entscheidungsprozesse anpassen, dass sie die zur Verfügung stehenden Informationen als Basis verwenden?
  • Wie können wir auf Basis der Informationen und Technologien unsere Produkte und Leistungen verbessern bzw. neue entwickeln? (z.B. präventiver Austausch von Teilen, bevor eine Maschine ausfällt?)

Die digitale Kompetenz stellt die Bindung zwischen Daten und Prozessen her. Daten werden gezielt gesammelt und verknüpft. In allen Entscheidungsprozessen wird die Informations-Basis befragt, das Ergebnis dient als Grundlage für die Entscheidung. Das Unternehmen wird „Daten-getrieben (data driven)“.

Veränderungsebene 3: leistungsfähige IT und Software

Ein Daten-getriebenes Unternehmen kann ohne eine leistungsfähige IT nicht erfolgreich sein. Eine Vielzahl von Informationen muss gesammelt und verarbeitet werden – in immer größerem Umfang und immer schnellerer Zeit. Die Zahl der Sensoren (sowohl technische Sensoren als auch Software-Bestandteile, die Informationen ermitteln und liefern, z.B. in Apps) steigt, Realtime-Informationen steuern automatisierte Prozesse, Entscheidungen basieren auf BigData-Analysen und der ständige Austausch von Informationen mit Partnern und Kunden ist eine unverzichtbare Schlüsselfunktion.

Die Software, die all diese Daten verbindet und Prozesse steuert, ist das Betriebssystem des Unternehmens und der Produkte. Sie muss ständig weiterentwickelt werden, um den sich schnell ändernden Anforderungen gerecht zu werden.

Den exponentiell steigenden Datenmengen und Anforderungen stehen oftmals nur leicht steigende IT Budgets gegenüber. Dies stellt IT Verantwortliche vor große Herausforderungen und sie müssen neue Wege finden, die gestiegenen Anforderungen zu bewältigen. Ansätze hierfür sind z.B.

  • der Einsatz von OnDemand-Diensten in der Cloud
  • vermehrter Einsatz von Standard-Technologien
  • konsequentes Abschalten von Systemen und Diensten, die keinen Mehrwert im Unternehmen bringen
  • agile Vorgehensweisen in der Entwicklung von Software und Projektsteuerung

Gleichzeitig müssen auch die Leiter des Unternehmens erkennen, dass ihr Geschäft immer stärker von IT und Daten getragen wird. Dieser wachsenden Bedeutung der IT müssen sie mit steigenden Budgets Rechnung tragen.

Fazit

Die Digitalisierung findet statt, sie verändert unseren Alltag und wirtschaftliche Abläufe. Wollen bestehende Unternehmen weiter erfolgreich sein, kommen sie nicht umhin, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und die digitale Transformation in Gang zu setzen.

Die digitale Transformation ist in Teilen je Branche und Unternehmen unterschiedlich. So steht ein Auto-Produzent vor der Frage, wie er mit digitalen Lösungen dem Kunden die tägliche individuelle Mobilität mit seinem Fahrzeug vereinfacht, während ein Reiseveranstalter vor der Frage steht, wie er durch Informationsanalysen die Reise-Interessen der Kunden im kommenden Jahr am treffendsten prognostizieren kann. Ein Lieferant für Baustoffe muss prüfen, wie er mit 3D-Druck sein Geschäft wandeln kann, der Maschinenbauer wie er mit Sensorik in den Maschinen und Vernetzung die smarte Fabrik bauen kann.

Allen Unternehmen gemein ist die Notwendigkeit, die Digitalisierung zu verstehen, um sie für zukünftigen Erfolg zu nutzen. Den Geschäftsführern und Vorständen muss klar sein, dass Geschäft nicht mehr linear funktioniert, sondern jederzeit von außen angegriffen und verändert werden kann. Dies bedingt, dass man selbst sowohl aktiv nach den Veränderungen sucht, sie im besten Fall einleitet. Die Organisation muss so gestaltet werden, dass sie anpassungsfähig und -willig ist. Der Weg dahin ist die digitale Transformation. Sie fußt auf einer leistungsfähigen IT und Software, baut gezielt digitale Kompetenz auf und etabliert eine Kultur, die ständiges Hinterfragen und Agilität im Kern trägt.